Deutsche Industrieunternehmen gehören in ihren Nischen zu den besten der Welt. Sondermaschinen aus Baden-Württemberg, Präzisionswerkzeuge aus Nordrhein-Westfalen, Automatisierungstechnik aus Bayern: Die Kompetenz ist da. Doch wer diese Unternehmen online sucht, findet oft erstaunlich wenig. Eine veraltete Website, ein LinkedIn-Profil mit dem letzten Beitrag von 2022 und auf Instagram: Stille.
Das Problem dabei? Die Welt hat sich weitergedreht. Einkäufer recherchieren heute über Google und LinkedIn, lange bevor sie zum Telefonhörer greifen. Fachkräfte scrollen durch Instagram und bilden sich innerhalb von Sekunden ein Urteil über potenzielle Arbeitgeber. Und Wettbewerber, die das verstanden haben, besetzen genau die Plätze, die Ihnen gehören könnten.
„Industrieunternehmen unterschätzen oft, wie viele Berührungspunkte heute digital stattfinden. Die Messe allein reicht nicht mehr aus, um dauerhaft im Kopf der Kunden zu bleiben“, berichtet Anna Deimann von der AD Consulting GmbH.
In diesem Artikel erfahren Sie, warum Social Media gerade für die produzierende Industrie enormes Potenzial bietet und wie Sie den Einstieg schaffen, ohne Ihr Tagesgeschäft zu vernachlässigen.
Warum Social Media gerade für die Industrie so viel Potenzial bietet
Wenn Sie an Social Media denken, haben Sie vielleicht Lifestyle-Influencer, Tanzvideos und Produktwerbung für Sneakers vor Augen. Was hat das mit Ihrer CNC-Fräse oder Ihrer Fördertechnik zu tun? Auf den ersten Blick: wenig. Auf den zweiten Blick: sehr viel.
Denn die Mechanismen hinter den Plattformen funktionieren branchenunabhängig. Es geht um Sichtbarkeit, Vertrauen und Beziehungsaufbau. Und genau hier liegt die Chance für Industrieunternehmen. Drei Gründe machen Social Media in der Industrie besonders wirkungsvoll:
Lange Verkaufszyklen brauchen viele Berührungspunkte.
Im Maschinenbau oder in der Zulieferindustrie dauert es Monate, manchmal Jahre, bis aus einem Erstkontakt ein Auftrag wird. In dieser Zeit googelt der Einkäufer Ihren Firmennamen, schaut sich Ihr LinkedIn-Profil an und bildet sich eine Meinung. Jeder Fachbeitrag, jedes Projekt-Video, jede Kundenreferenz auf Ihren Kanälen arbeitet still und leise für Sie, rund um die Uhr, auch zwischen den Messen.
Die Recherche findet längst digital statt.
Eine Analyse des Marktforschungsinstituts 6sense zeigt: B2B-Einkäufer haben rund 70 % ihrer Kaufentscheidung bereits getroffen, bevor sie zum ersten Mal persönlich mit einem Anbieter sprechen. Ihre Website, Ihr LinkedIn-Auftritt und Ihre Instagram-Seite sind also keine Nebenschauplätze. Sie sind die Bühne, auf der sich Ihr Unternehmen beweisen darf, noch bevor das Vertriebsteam überhaupt ins Spiel kommt.
Die Konkurrenz schläft nicht.
Schauen Sie sich einmal die LinkedIn-Profile Ihrer direkten Wettbewerber an. Gut möglich, dass der eine oder andere dort bereits regelmäßig Einblicke in Projekte teilt, Fachbeiträge veröffentlicht oder sein Team vorstellt. Jeder Beitrag, den Ihr Wettbewerber postet und Sie nicht, ist eine verpasste Gelegenheit. Denn der Platz im Kopf Ihrer Zielgruppe ist begrenzt. Wer ihn nicht aktiv besetzt, überlässt ihn anderen.
LinkedIn, Instagram, YouTube: Welche Plattform passt zu welchem Ziel?
Ein Fehler, den viele Industrieunternehmen machen: Sie eröffnen Accounts auf fünf Plattformen gleichzeitig, posten drei Wochen lang und lassen dann alles einschlafen. Das Ergebnis? Verwaiste Profile, die mehr schaden als nutzen. Denn ein leerer Kanal signalisiert Stillstand.
Besser ist es, sich auf ein bis zwei Plattformen zu konzentrieren und diese konsequent zu bespielen. Doch welche sind die richtigen? Das hängt davon ab, wen Sie erreichen wollen und was Sie dort zeigen können.
LinkedIn: Ihr Schaufenster für Entscheider
LinkedIn ist für die meisten Industrieunternehmen die erste Wahl. Hier treffen Sie auf Einkäufer, Ingenieure, Geschäftsführende und technische Leiter. Die Plattform eignet sich hervorragend, um Fachkompetenz zu zeigen, Projekterfolge zu teilen und Ihr Unternehmen als verlässlichen Partner zu positionieren.
Was auf LinkedIn gut funktioniert: Fachartikel zu Branchenthemen, kurze Erfahrungsberichte aus abgeschlossenen Projekten, Einblicke in Ihre Fertigungsprozesse und persönliche Beiträge von Geschäftsführenden oder Vertriebsmitarbeitenden.
Besonders die persönlichen Profile erzielen oft deutlich mehr Reichweite als die Unternehmensseite. Denn der Algorithmus bevorzugt Menschen gegenüber Logos.
Instagram: Einblicke, die Vertrauen schaffen
Viele Fertigungsbetriebe unterschätzen Instagram. Dabei bietet die Plattform genau das, was technische Unternehmen oft nicht zeigen: das Menschliche hinter der Maschine. Kurze Videos aus der Produktionshalle, ein Zeitraffer vom Maschinenaufbau, ein Teamfoto nach einem erfolgreichen Projekt. Solche Inhalte erzeugen Nähe und Sympathie.
Instagram eignet sich besonders dann, wenn Sie Ihre Arbeitgebermarke stärken wollen. Jüngere Fachkräfte, Azubis und Technikerinnen informieren sich hier über potenzielle Arbeitgeber. Ein aktiver, authentischer Account kann die Hürde zur Bewerbung spürbar senken.
YouTube: Die Bühne für erklärungsbedürftige Produkte
Wenn Ihre Produkte komplex sind und sich nicht in einem Satz erklären lassen, ist YouTube eine Überlegung wert. Produktvorführungen, Montageanleitungen, virtuelle Werksrundgänge oder Interviews mit Ihren Technikern: All das lässt sich auf YouTube dauerhaft verfügbar machen.
Der große Vorteil: YouTube-Videos werden auch über Google gefunden. Ein gut betiteltes Video zu „Automatisierte Verpackungslinie für die Lebensmittelindustrie“ kann Ihnen über Jahre hinweg qualifizierte Besucher auf die Website bringen.
Fünf Content-Ideen, die bei Industrieunternehmen wirklich funktionieren
„Was sollen wir denn posten? Wir bauen Maschinen, keine Lifestyle-Produkte.“ Diesen Satz hören Agenturen ständig. Und genau darin steckt ein Missverständnis. Denn gerade das, was für Sie Alltag ist, fasziniert Außenstehende. Hier sind fünf Formate, die sich in der Praxis bewährt haben:
- Fertigungsprozesse im Zeitraffer
Ein 20-Sekunden-Zeitraffer, der zeigt, wie ein Werkstück entsteht oder eine Anlage montiert wird, erzielt auf Instagram und LinkedIn regelmäßig hohe Reichweiten. Warum? Weil es visuell fesselnd ist und Kompetenz transportiert, ohne ein einziges Wort.
- Die häufigste Kundenfrage als kurzes Video
Welche Frage stellen Ihnen Kunden am Telefon am häufigsten? Nehmen Sie die Antwort als 30-Sekunden-Video auf. Das positioniert Sie als Problemlöser und liefert gleichzeitig nützlichen Content, der geteilt und gespeichert wird.
- Mitarbeitende vor der Kamera
Ein kurzes Statement eines Azubis über seinen Arbeitsalltag, ein Techniker, der erklärt, worauf er bei der Qualitätskontrolle achtet, eine Projektleiterin, die von einer besonderen Herausforderung berichtet. Solche Beiträge schaffen Vertrauen und zeigen, wer hinter der Marke steht. Perfektion ist dabei nicht gefragt. Im Gegenteil: Ein ehrliches Handy-Video wirkt glaubwürdiger als ein steriles Imagevideo.
- Vorher-Nachher von Projekten
Zeigen Sie den Zustand vor Ihrem Einsatz und das Ergebnis danach. Das funktioniert im Anlagenbau genauso wie in der Oberflächentechnik oder der Logistik Automatisierung. Dieser visuelle Beweis Ihrer Arbeit ersetzt lange Erklärungen und überzeugt auf einen Blick.
- Fachwissen als Karussell-Post
Auf LinkedIn und Instagram können Sie Beiträge mit mehreren Bildern erstellen, durch die der Nutzer wischt. Nutzen Sie dieses Format für Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Checklisten oder Branchenwissen. Die Verweildauer bei solchen Beiträgen ist hoch, und der Algorithmus belohnt genau das.
Die typischen Fehler: Was Industrieunternehmen auf Social Media falsch machen
Ebenso aufschlussreich wie die Frage „Was funktioniert?“ ist die Frage „Was geht schief?“. In der Praxis zeigen sich bei Industrieunternehmen immer wieder dieselben Stolpersteine. Wenn Sie diese kennen, können Sie sie von Anfang an vermeiden.
Der Geister-Account
Ein LinkedIn-Profil mit einem Beitrag von vor zwei Jahren sendet ein klares Signal: Hier passiert nichts. Für potenzielle Kunden und Bewerber wirft das Fragen auf. Ist das Unternehmen noch aktiv? Passt es in die heutige Zeit? Lieber gar kein Profil als ein Toter. Oder besser: Lieber klein anfangen und regelmäßig posten, als groß starten und nach drei Wochen aufhören.
Nur Pressemitteilungen und Produktdatenblätter
Social Media ist kein Newsticker und kein Produktkatalog. Reine Selbstdarstellung erzeugt keine Interaktion. Algorithmen erkennen, wenn Nutzer über Beiträge hinwegscrollen, und spielen diese Inhalte immer seltener aus. Die Folge: Ihre Beiträge verschwinden in der Bedeutungslosigkeit, obwohl Sie regelmäßig posten.
Kein Community Management
Jemand kommentiert unter Ihrem Beitrag oder stellt eine Frage per Direktnachricht. Und dann? Nichts. Keine Antwort, kein Dankeschön, kein Gespräch. Das ist eine verpasste Chance. Jede Interaktion ist ein Signal an den Algorithmus. Und jede beantwortete Frage ist ein potenzieller Kontakt, der sich wertgeschätzt fühlt.
Zu technisch kommunizieren
Natürlich sind Ihre Produkte technisch anspruchsvoll. Aber auf Social Media erreichen Sie nicht nur Ingenieure, sondern auch Geschäftsführende, Einkäufer und HR-Verantwortliche. Sprechen Sie so, dass auch ein Nicht-Techniker versteht, welchen Nutzen Ihre Lösung bringt. Fachbegriffe sind erlaubt, aber erklären Sie sie.
Keine Strategie
„Wir posten einfach mal was“ ist keine Strategie. Ohne klare Ziele, ohne definierten Verantwortlichen und ohne einen groben Redaktionsplan verpufft der Aufwand. Sie investieren Zeit und Energie, ohne zu wissen, ob es sich lohnt. Der nächste Abschnitt zeigt, wie Sie das besser machen.
Fazit: Sichtbarkeit entsteht nicht von allein
Wir leben im Jahr 2026. Kunden informieren sich online, Fachkräfte suchen Arbeitgeber auf Instagram und LinkedIn, und Geschäftsbeziehungen entstehen heute oft digital, bevor man sich persönlich trifft. Gleichzeitig ist der Wettbewerb auf Social Media in der Industrie noch überschaubar. Viele Unternehmen zögern oder posten nur sporadisch.
Das ist Ihre Chance. Sie brauchen dafür kein Filmteam und kein großes Budget. Ein Smartphone, ein klares Ziel und echte Einblicke in Ihren Arbeitsalltag reichen für den Anfang völlig aus. Fangen Sie klein an, bleiben Sie dran und lernen Sie mit jedem Beitrag dazu. Wer heute startet, ist morgen schon weiter als alle, die noch abwarten.















